Die Fahrrad-Tour

Frieda Fleischer (Name geändert) hat unter dem Stichwort “Die Rätselfreunde” an einem Preisausschreiben teilgenommen. Nach mehreren Tagen erhält sie ein Antwortschreiben des S.C.-Handels. Dieser möchte sich mit einem Tag der offenen Tür vorstellen. Und zur Neueröffnung seines “Auslieferungslagers mit Posten-Börse, Sport und Freizeitbekleidung, Camping und Elektroartikel u.v.m. die Möglichkeit geben, Markenware spottbillig einzukaufen” oder ganz einfach den kostenlosen Katalog mit nach Hause zu nehmen. Anschließend soll es noch eine große Neueröffnungsparty geben. Da im Hause eine Tombola stattgefunden habe, sei die Geschäftsleitung in der glücklichen Lage, an Frau Fleischer einen Hauptgewinn zu übergeben: gleich zum Mitnehmen einen Anrechtsschein für ein original Gazelle-Fahrrad, 5-Gang-Nabenschaltung, Rücktrittbremse und Trommelbremse vorn, 10 Jahre Garantie. Ohne wenn und aber garantiert gratis. Und extra für alle Paare/Ehepaaare: ein hochwertiges Werkzeugset bestehend aus Stichsäge, Bohrmaschine, Schleifmaschine, alles im Koffer verpackte Markengeräte.

Doch die Busfahrt dorthin wäre zuviel für sie. Vielleicht könnte ein Bekannter daran teilnehmen. Herbert Weiß (Name nicht geändert) kann. So teilt sie es denn auch der Firma mit. An einem frühen Dezembermorgen geht es los, zunächst kreuz und quer durch die Nachbarorte, bis die letzten Teilnehmer eingesammelt sind. Busfahrer Peter begrüßt die Teilnehmer nun offiziell und informiert sie, dass die Fahrt bis nach Mirow in Mecklenburg gehen wird.

Unterwegs kommt ein Anruf. Das Fahrziel hat sich etwas geändert. Vor einer Gaststätte in Fürstenberg betritt ein freundlicher Mitarbeiter der Firma – den wir mal Nico nennen wollen – den Bus, heißt die Gäste willkommen und begrüßt jeden persönlich mit Handschlag. Die kompletten Einladungen möge man bitte auf den Sitzen liegen lassen; das erleichtere nachher das Verteilen der Gewinne. Die Tische im Saal sind bereits eingedeckt; es gibt es zunächst das versprochene reichhaltige Frühstück. Das Brötchen ist frisch, das Ei ebenfalls. Zwar etwas hart gekocht. Was soll’s. Dazu ein paar Scheibchen Aufschnitt, bestehend aus Salami, Schinken und Käse. Ein Becherchen Marmelade, ein Glas Orangensaft und eine Tasse Kaffee. Ganz passabel. Reichhaltig? Ansichtssache.

Ein eher mittelgroßer, nicht mehr ganz so junger Mann, der bisher in einem Nebenraum saß, die im Bus eingesammelten Einladungen sichtete und dazu Zigarillos rauchte, ergreift nun das Wort. Irgendwie erinnert er an Alfred Tetzlaff. Weitschweifig pirscht er sich an das eigentliche Thema an, spricht mit etwas rauher Stimme zunächst von den allgemeinen Zeiterscheinungen. Von den Schulkindern, die ihre Schulbrote wegwürfen und sich mit Vorliebe von Schokoriegeln und “Mafiaschnitten” ernährten. Wir Älteren dagegen hätten damals noch Vaters Hasenbrot verzehrt. Und vom Gruppenzwang zu teuren Markenklamotten. Man habe ja auch in jungen Jahren einigen Blödsinn verzapft; eine leere Geldbörse auf den Bürgersteig gelegt und – in einem Gebüsch versteckt – an einer Schnur weggezogen, wenn sich jemand danach bückte. Aber man habe doch keine Omas überfallen und ihnen die Handtasche geraubt. Einigen wird das etwas zuviel. Möchten, dass endlich zur Sache kommt. Doch er findet es ungehörig, ihn zu unterbrechen. Einer Zuhörerin legt er nahe, einfach mal vor die Tür zu gehen. Droht auch mit Rauswurf und telefoniert mit dem Chef. Sagt er. Es knistert in der Verstärkeranlage. Und einige Leuchtdioden funkeln auf der Rückseite seines Handys.

Niemand müsse sich persönlich angesprochen fühlen. Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an! – Wer fühle sich heutzutage glücklich? Das wichtigste Thema: die Gesundheit. Wer habe eigentlich ein Interesse an unserer Gesundheit? – “Die Pharmaindustrie” – “Ist jemand anderer Meinung?” – “Wir selbst!” – “Richtig! Und die Krankenkassen”, ergänzt er. Denn die müssten zahlen. Ärzte, Apotheker und Pharmazeuten verdienten nur, wenn wir krank seien.

Tetzlaff II führt konkrete Beispiele an. Die Bildzeitung: “Krebsmedikament nur für Reiche!” Den Spiegel: “Giftkur ohne Nutzen” – ein Beitrag über die Chemotherapie. In Sachsen-Anhalt sei ein wirksames Medikament gegen Diabetes entwickelt worden. Ein milliardenschwerer Pharmakonzern habe die kleine Firma aufgekauft und halte seitdem alles unter Verschluss.

Eine Grafik verdeutlicht: Im Laufe der Jahrzehnte setzen sich die Herzarterien immer mehr zu. Bis es dann zu dem gefürchteten Infarkt kommt. Kann man nichts dagegen tun? Man kann. Hat jemand etwas von Q 10 gehört? Einige kennen es. Doch das sei ziemlich teuer. Und nun stellt er mit viel Brimborium sein Mittel vor: Cardioforte! In einem großen Pappherz befinden sich etwa 40 Fläschchen. Jeden Tag eines austrinken. Aber vorher schütteln, damit sich das abgelagerte Gel auflöst. Wenn man eine solche Kur absolviert, hat man wieder zehn Jahre Ruhe. Wenn nun eine Jahreskur mit Q 10 immerhin 800 Euro kostet, was ist dann dafür angemessen? Keine allzu schwierige Rechenaufgabe. Aber so teuer ist das nicht. Nur ganze 2399 Euro! Heute allerdings könne man es zum Extrapreis bekommen.

Für dieses Mittel habe die Firma eine Auszeichnung erhalten. Und die sei mit 500 000 Euro dotiert. Ein schönes Sümmchen. Doch um darauf keine Steuern zahlen zu müssen, würde man das Geld verschenken. Und an wen? An die treuen Stammkunden. Dafür, dass sie für dieses schöne, heilsame Produkt als Gesundheitsbotschafter werben. Natürlich müsse man das Glück entscheiden lassen.

Jeder solle nun das Los auf seinem Platz öffnen. Doch das sind eigentlich die Lose für Mirow. Was machen wir denn da? Nehmen wir doch einfach die Endziffer! Wenn die mit der aufgerufenen Zahl übereinstimme, sich melden und laut rufen: Gesundheitsbotschafter Meier, Müller oder Schulze! Wer hat die Eins? Wer hat die Drei? Wer hat die Fünf? Ich habe die Fünf. Doch mir ist die Sache zu blöd. Auch wenn 500 Euro zu gewinnen sind. Die werden mit der Cardioforte-Packung verrechnet und so muss man nur noch schlappe 800 Euro dazuzahlen. Doch auch die meisten anderen sind skeptisch. Das Kerlchen wirkt etwas gereizt.

Zum Mittagessen stehen zwei Gerichte zur Auswahl. Kann man weiterempfehlen. Der Preis ist recht manierlich. Hmm – Moment mal – war das nicht auch kostenlos?

Es geht weiter. Nico erzählt von einem schweren Autounfall, den er vor einigen Jahren erlitt. Seitdem hinkt er. Gegen seine starken Schmerzen halfen die Mittel der Schulmedizin kaum. Hatten nur etliche Nebenwirkungen. Wesentlich erfolgreicher waren naturheilkundliche Methoden. Und eben auch die von der Firma vertriebenen Magnetpflaster. Dann ist Tetzlaff II wieder dran. Vom Elektrosmog hat wohl jeder schon etwas gehört. Nicht ungefährlich ist auch die Strahlung eines Handys. Doch viele brauchten es eben. Auch er hat so ein Ding.

Bitte ein Freiwilliger nach vorn! Einer hat einen Herzschrittmacher. Nee, das geht nicht – aber ein anderer hat keinen. Er soll den Arm ausstrecken. Nicht nach vorn – zur Seite! Nico soll ihn runterdrücken. Geht nicht so einfach. Und nun mit dem Handy auf der linken Brustseite. Na, bitte! Der Arm geht runter. Um also die schädliche Strahlung abzuschirmen, klebt man einen speziellen, mit Leuchtdioden bestückten Chip auf’s Handy. Das hilft.

Ein Wollwaschmittel; biologisch abbaubar. Für 13 Euro. Und wieder geht er runter mit dem Preis. Schließlich: Nicht ein Euro. Wer will, wer will – wer hat noch nicht? Einige heben halbentschlossen ihre Hand. Eine zweite Flasche gibt es dazu. Gratis. Zu bezahlen ist nur die erste. 13 Euro. Da stimmt doch etwas nicht – sollten wir das missverstanden haben?!? Nö, das ist uns zu teuer. Die Flaschen gehen zurück in den Nebenraum.

Was ist denn nun mit dem versprochenen Fahrrad? Dazu solle man die auf dem Tisch liegende Empfangsquittung vorlegen und dann bekäme man es zugeschickt. Allerdings gegen einen Eigenbetrag von 199 Euro. Auf die Empfangsquittung würden jedoch 100 Euro gutgeschrieben.

Die restlichen Mittagessen werden bezahlt. Jeder bekomme noch ein Dankeschön-Paket. Das werde aber erst beim Aussteigen vom Busfahrer ausgehändigt. Sonst liege die ganze Verpackung im Bus herum.

Man verabschiedet sich mit gemischten Gefühlen von dieser Stätte. Immerhin war’s nicht gar so teuer. Man hat schon einiges mitgemacht. Aber das war doch der Gipfel der Dreistigkeit. Der Rückweg verläuft zunächst reibungslos; so wie die Hinfahrt. Und in umgekehrter Folge nimmt die Dämmerung zu, nachdem die ersten in Borkwalde ausgestiegen sind. In Rehbrücke kommt der Bus allerdings neben dem Opel-Autohaus zum Stillstand. Nichts geht mehr. Ein Kanister vom Autohändler überbrückt das kurze Stück bis zur nächsten Tankstelle. Nach elf Stunden wieder in Stahnsdorf. Es sind so dunkel wie zur Abfahrtszeit.

Zu Hause wird die Tüte ausgepackt. Eine halboffene Weihnachtskugel, die man mit einem Teelicht an den Baum hängen kann, eine kleine Taschenlampe, drei Kugelschreiber, die erst nach mehrmaligem guten Zureden schreiben, ein kleines Notizheftchen für Adressen und Telefonnummern und ein Holzschildchen mit der Aufschrift “Please don’t pick the flowers!”. Nur dumm, wenn die Nachbarn kein Englisch können und die Blumen trotzdem abpflücken.

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Elektromobilität – eine Chance, aber keine Patentlösung

Ein Motorengeräusch. Kommt jetzt die Post oder sind es die Hausmeister? Ein Blick aus dem Fenster und man weiß Bescheid. Im September vorigen Jahres kündigte sich jedoch das gelbe Auto oft mit einem leisen Brummen an. Ein VW Caddy-blue-e-motion. Zehn Testfahrzeuge waren für die Deutsche Post DHL auf Achse. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Für den Kurzstreckenbetrieb – von einem Halt bis zum nächsten sind es in der Regel nur einige Dutzend Meter – ist der Elektroantrieb optimal. Zudem geräuscharm und abgasfrei.

Wird man also künftig wieder genauer hinsehen müssen, weil auch die Hausmeister, weitere Dienstleister oder Privatleute auf Elektromobilität setzen? Es würde nicht nur die Umweltqualität vor Ort verbessern, sondern wäre auch eine Möglichkeit, die weltweite CO2-Belastung unserer Atmosphäre zu bremsen. Ein weiteres Problem ist der weltweite Durst nach Öl. Der wachsenden Nachfrage steht ein zunächst noch stagnierendes Angebot gegenüber. Denn Peak Oil, der Gipfelpunkt der globalen Erdölförderung, ist offenbar erreicht. In den kommenden Jahrzehnten geht dieser kostbare Rohstoff allmählich zur Neige. Die Mobilität von Menschen und Frachtgütern wird sich unweigerlich verteuern. Das Abheben mit dem Flieger wird für viele zum unbezahlbaren Luxus. Zwar lassen sich Benzin und Diesel durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen. Jedoch geht die Produktion von Äthanol, Rapsdiesel, Biogas und Palmöl oft zu Lasten der Nahrungsmittelproduktion, trägt zur Vernichtung von Naturwäldern bei oder belastet die Umwelt in anderer Weise.

Aber auch mit dem Elektroantrieb lässt sich der automobile Straßenverkehr kaum im gewohnten Umfang aufrecht erhalten. Der dafür notwendige Strom hat seinen Preis. Die für leistungsfähige Speicher benötigten Rohstoffe sind begrenzt. Wir sind offenbar an den vom Club of Rome vorhergesagten Grenzen des Wachstums angelangt. Doch es ist wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Alle sehen, dass der Monarch nackt ist und fast keiner traut sich, es zu sagen. Dieser Mut ist jedoch nötiger als jemals zuvor.

Sollten nicht die knappen Ressourcen besser in Strukturen der kurzen Wege investiert werden, anstatt neue Straßen zu bauen? So ließe sich bereits ein großer Teil des Verkehrsaufkommens zu Fuß und mit dem Fahrrad bewältigen. Für die verbleibenden größeren Entfernungen bedarf es des Ausbaus öffentlicher Verkehrsmittel, insbesondere der Bahn. Ob man sich in unserer Region zunächst für die Wiederherstellung der Friedhofsbahn, die Verlängerung von Teltow aus, den kompletten Ringschluss, die Stammbahn oder die Regiotram entscheidet, bedarf sorgfältiger Abwägung. Ratsam wäre es jedoch, nicht zu lange abzuwarten und sich nicht die jeweils anderen Optionen zu verbauen.

(Veröffentlicht im Gütergotzer Landboten 2012/März)

Auf das richtige Konzept kommt es an

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Können wir uns ein Bedingungsloses Grundeinkommen leisten? Oder können wir es uns leisten, auf dessen Einführung zu verzichten?

Mit großer Mehrheit hatten die Schweizer im Vorjahr die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) abgelehnt. Dafür gab es zwei gute Gründe. Der eine liegt in dem Grenzsteuersatz von 100 Prozent für eigenes Einkommen bis zur Höhe des BGE begründet. Das wäre die Umsetzung des Auffüllprinzips (wie man es auch vom real existierenden Sozialsystem kennt) in Reinkultur. Eigene Bemühungen, sich selbst ein gewisses Einkommen zu erwirtschaften, lohnen sich damit nicht, wenn man nicht wesentlich darüber hinaus kommt. Der andere sind die 2800 Franken pro Person und Monat, die zwar im Initiativtext nicht angeführt waren, aber von dessen Urhebern genannt wurden. Wer soll das bezahlen?

Das Existenzminimum sollte allerdings schon gewährleistet sein. Eben so viel, wie einem Erwerbslosen ohnehin an Sozialleistungen zusteht. Und auch etwas mehr, wenn es sich der Unterstützungsbedürftige durch eigene Arbeit verdient. Kann es aber Geld fürs Nichtstun geben, ohne dass der Arbeitslose alle Kräfte mobilisiert, um die Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu schaffen? Eigentlich nicht, wird man meinen. Gern wird in diesem Zusammenhang auch der Apostel Paulus zitiert: “… so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.” (2. Thessalonicher, 3; 8 – 10). Dabei wird zumeist übersehen, dass er diesen strengen Maßstab zuallererst an sich selbst angelegt hatte. Wie weit lässt sich dies auf unsere heutigen, bis ins Detail penibel geregelten Verhältnisse übertragen? Auf unsere extrem arbeitsteilige und von ständiger Rationalisierung im Namen des Fortschritts geprägte Gesellschaft? Von einigen Bereichen mal abgesehen übersteigt das Angebot an Arbeitskräften deutlich die Nachfrage. Außer den 2,6 Millionen offiziell gemeldeter Arbeitsloser gibt es zahlreiche, die in der Statistik nicht mehr auftauchen, dazu viele prekär Beschäftigte oder andere, die aus guten Gründen an einem Wechsel ihres Arbeitsplatzes interessiert sind. Man sollte zudem nicht die große Zahl von Zufluchtsuchenden vergessen, die für eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft ebenfalls einen Arbeitsplatz benötigen.

Zwar werden auch immer wieder neue Arbeitsplätze geschaffen, jedoch nicht in dem Maße, wie es nötig wäre, um eine echte Vollbeschäftigung zu erreichen. Viele kleine Jobreserven wie Aushilfstätigkeiten oder Saisonbeschaftigungen können den Menschen keine dauerhafte Perspektive bieten, wären jedoch andererseits bei einem gesicherten Grundeinkommen ein lukrativer Zuverdienst. Gleiches gilt auch für viele selbstständig Tätige, darunter zahlreihe Kulturschaffende. Es bedürfte keiner aufwendigen Sozialbürokratie mehr, um den Bedürftigen die ihnen zustehenden Hilfen zu berechnen, sie zu kontrollieren und zu sanktionieren.

Soll aber das BGE als genereller Zuschuss zum Erwerbseinkommen auch den Gut- und Spitzenverdienern zufließen? Warum eigentlich nicht? Man könnte den Grundfreibetrag durch einen allgemeinen Abzug von der Steuerschuld ersetzen. Und unter dieser Voraussetzung statt des ohnehin schon arg verhunzten linear-progressiven Tarifs einen allgemeinen Steuersatz – eine Flatrate – einführen. Sozusagen “Kirchhof plus”. Dieser Grundabzug käme den kleineren Einkommen besonders zu gute, so dass ihnen selbst bei einem höheren Steuersatz immer noch genug von diesem Vorteil verbliebe. Durch die allgemeine Einkommensentwicklung greift der Spitzensteuersatz bereits im mittleren Einkommensbereich. Besser- und Bestverdiener müssten also nicht zwangsläufig unmittelbar vom BGE profitieren, würden aber auch nicht unzumutbar dadurch belastet. Ein einfaches, von zahlreichen Sonderregelungen befreites Steuersystem wäre letztlich ein Gewinn für fast alle, außer natürlich den Nutznießern des gegenwärtigen Systems.

Auch das leidige Problem des Ehegattensplittings ließe sich so ganz elegant aus der Welt schaffen. Ob nun Klaus sehr viel mehr als Karin (oder umgekehrt) verdient, wäre egal. Und auch, wenn sich Klaus mehr für Kurt oder Karin für Kira interessieren würde. Die Gerechtigkeitsdebatte über Kindergeld, Kinderfreibetrag und Familiensplitting ließe sich so ebenfalls beenden. So hätte man zugleich eine allgemeine Arbeitslosenunterstützung wie auch eine Grundrente. Beides könnte man durch individuelle Vorsorge nach eigenem Gutdünken aufstocken. Zudem könnte damit auch eine Kopfpauschale für Kranken- und Pflegeversicherung finanziert werden.

Natürlich muss das alles sorgfältig durchgerechnet werden. Der Grundabzug sollte vorsichtshalber nicht zu hoch und der Steuersatz nicht zu niedrig angesetzt werden. Eine Nachjustierung dieser beiden Stellschrauben zugunsten des Bürgers ist immer noch möglich. Für eine gewisse Übergangszeit müssen auch die in die Renten- und Arbeitslosenversicherung gezahlten Beiträge angemessen berücksichtigt werden. Die Steuerfreiheit für Nacht- und Feiertagsarbeit von heut auf morgen ersatzlos zu streichen, würden die Betroffenen zu Recht als unzumutbare Härte betrachten. Für Pflege und Gesundheitswesen, aber auch für alle übrigen Bereiche, die mit dem Geld der Bürger finanziert werden, bedarf es größtmöglicher Effizienz. Auch wenn für Mensch, Infrastruktur und sonstige öffentliche Aufgaben weiterhin gelten soll: Wat mutt, dat mutt.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist keineswegs eine Negierung des Leistungsprinzips. Zum Einen aber hat sich unsere Gesellschaft als unfähig erwiesen, jedem ihrer Mitmenschen eine Chance zu bieten, aus einer Anstrengung seines Glückes Schmied zu sein. Zum Anderen gibt es aber auch nicht wenige, die für das, was sie vorgeben zu verdienen, keine adäquate Leistung erbringen. Es wäre eines der führenden Industrieländer einfach unwürdig, Menschen in seiner Mitte Not leiden zu lassen. Letztlich wäre der Zusammenhalt unserer Gesellschaft ernsthaft gefährdet. Das hatten wir schon mal.

Herbert Weiß
5.3.2017
http://www.nzz.ch/schweiz/abstimmungen/bedingungsloses-grundeinkommen-viel-beachtung-fuer-einen-nonvaleur-ld.86933?extcid=Newsletter_06062016_Top-News_am_Morgen#kommentare